Die alte Eisenbahnersiedlung als Spielball von Spekulanten

Das Schnäppchen war in Immobilienkreisen schnell ausgemacht: Die Ende des 19.Jahrhunderts für Unterbeamte der Eisenbahn gebaute Siedlung an der Nordbahnhofstrasse wird durch das Projekt 21 als Wohnlage deutlich an Wert gewinnen. Zunächst schien für die Mieter alles in Ordnung, denn vor 20 Jahren hatte die dem Land-Baden Württemberg gehörende Landesentwicklungs-gesellschaft (LEG) das Viertel von der Eisenbahnsiedlungsgesellschaft (ESG) erworben. Doch knapp zehn Jahre später stieß das Land seine Tochter an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) ab, von Entwickluingsgesellschaft war keine Rede mehr, denn von nun an hieß der Geschäftsteil „LBBW Immobilien GmbH“. Und als 2008 die Landesbank selbstverschuldet in finanzielle Schwierigkeiten geriet, mit 5 Milliarden Euro aus dem Landesetat und dem Stuttgarter Stadtsäckel gestützt werden sollte, ließ dies die Europäische Kommission nur zu, wenn sich die LBBW von 21.000 ihrer Immobilien trennen würde.

So standen denn auch 2000 Gebäude im Nordbahnhofviertel auf der Verkaufsliste, darunter die 900 ehemaligen Eisenbahnerwohnungen. Obwohl ein Konsortium von Land und Stadt, nebst mehreren Siedlungsge-nossenschaften als regionale Bieter auftraten ( also die Mitbesitzer der Bank), verkaufte die LBBW das Riesenpaket an die börsennotierte Immobilien-Gesellschaft Patrizia AG für knapp 1,5 Milliarden Euro. Möglich auch durch einen Finanzierungskredit in Höhe von 800 Millionen Euro bei wem wohl – der LBBW ! Und der neue Besitzer kündigte schon bald an, die alten Backstein-Mietblöcke sanieren zu wollen. Für die Bewohner begann damit eine Gratwanderung, denn das Nettoeinkommen in diesem Gebiet lag 30 Prozent unter dem Stuttgarter Durchschnitt.

Schon nach drei Jahren dann der nächste Deal: Patrizia verkaufte die rund 20.000 Wohnungen des LBBW-Pakets ( neu firmiert unter Süddeutsche Wohnen – SüdeWo)  für 1,9 Milliarden Euro an den Immobilenriesen Deutsche Annington. Damit strich Patrizia als satten Spekulationsgewinn 465 Millionen Euro mehr ein, als sie selbst bezahlt hatte! Kräftig schraubt jetzt die SüdeWo im Auftrag ihres Immobilienmultis die Mieten im Viertel in die Höhe, neben 20 % Erhöhung der Kaltmiete klettern auch Betriebs-und Heizkosten mächtig. Denn man stufte die Sozialwohnungen einfach im Mietspiegel als beste Wohnlage ein – wie die Nobellage Killesberg nebenan ! Erste Anzeichen der Gentrifizierung in der Nordbahnhofstrasse zeigen sich: Die meisten der kleinen Läden, die das Viertel ausmachten, sind verschwunden. Und das multikulturelle Stadtvierttel entdecken immer mehr Besserverdiener als chicken Wohnort mit Arbeiterflair.

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